Geistliche Gewalt

Die Begrifflichkeiten "geistlicher" bzw. "religiöser" Missbrauch sind noch nicht allzu geläufig. Doch christliche Gruppierungen sind nicht davor gefeit, missbräuchliche Strukturen zu entwickeln.

In der Gemeinde, die der Grundintention Jesu entspricht, sollen Menschen liebevoller, menschlicher, freier werden. Und doch erleben wir, wie Menschen nicht in die Freiheit der Kinder Gottes, sondern in Abhängigkeiten von Menschen geführt werden. Leicht entstehen sektenartige Strukturen.

Religiöser Missbrauch ist verwandt mit anderen Formen von emotionalem Missbrauch. Daher soll dieses Thema auch im Zusammenhang mit den Fragen des Kindes- und Jugendschutzes behandelt werden.

Ähnlich wie bei sexuellem Missbrauch findet religiöser Missbrauch im Kontext enger, vertrauensvoller Beziehungen statt. Dort, wo eigentlich Schutz und Hilfe gewährt werden sollten, wird eine Situation der Abhängigkeit ausgenutzt und "geistliche Autorität" eingesetzt, um die eigene Machtposition auszubauen. Die Folge ist oftmals eine dauerhafte Störung des Gottesbildes und der Gottesbeziehung, selbst wenn der Wunsch danach vorhanden ist.

Der Beauftragte für Weltanschauungs- und Sektenfragen in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsens, Harald Lamprecht, nennt in seinem Aufsatz "Geistlicher Missbrauch in radikalen christlichen Gemeinschaften" (Confessio 2/2007) folgende Merkmale des sog. "geistlichen" oder "religiösen" Missbrauchs:

Starke Autoritätsstrukturen

Als problematisch gilt, wenn es deutlich herausgehobene Leitungspersonen oder -kreise gibt, die sich stark über die "normalen" Gemeinde- oder Gruppenmitglieder erhöhen. Das wird z.B. deutlich im Umgang mit Kritik. Während den "Leitungspersonen" Kritik an den "normalen" Gläubigen zugestanden wird, in der Regel in Bezug auf ihren Lebenswandel als Christen, kann die Person selbst zum Problem werden, die Kritik an der Leitung übt. Die persönliche und die Sachebene werden miteinander vermischt.

Zudem bekommen die Leitungspersonen die Deutungshoheit innerhalb der Gruppe, was ihr Verständnis von Gott und der Bibel betrifft. Vom Verhältnis des Einzelnen zur Leitung wird auf das persönliche Verhältnis zu Gott geschlossen. Das hat zur Folge, dass derjenige, der mit der Leitung nicht einverstanden ist, der "Rebellion gegen Gott" bezichtigt wird. Insgesamt nimmt das Thema "Autorität und Unterordnung unter diese Autoritäten" großen Raum in Gemeinschaften ein, die geistlichen Missbrauch begünstigen.

Exklusivität: Abschottung und Elitedenken

In solchen christlichen Systemen entsteht Identität durch eine klare Unterscheidung von "drinnen" und "draußen". Das hat häufig eine Abkehr von alten Freundschaften und jeglichen sozialen oder gesellschaftlichen Aktivitäten außerhalb der eigenen Gruppe zur Folge.

Dahinter steht oftmals das Bedürfnis, die als Bedrohung erlebte komplexe Vielfalt des Lebens auf ein einfaches Schema zu reduzieren und dadurch Sicherheit zu gewinnen. Unterschieden wird in der Folge zwischen denen, die auf dem "Fundament" stehen und den "anderen".

Damit verbunden ist ein klares Schwarz-Weiß-Denken, in dem keine Abstufungen vorhanden sind und folglich alles gleich wichtig wird, also auch jede Abweichung vom geforderten Verhalten große Bedeutung gewinnt.

Dadurch wird das Gefühl der Besonderheit gestärkt. Der eigene Auftrag in der Welt wird überhöht. Die Bindung an die Gruppe wird dadurch verstärkt und die Abgrenzung nach außen sowie die Abwertung aller, die anders leben, gefördert. Typisch für solch isoliert lebende Gruppen ist eine hohe interne soziale Kontrolle, die jedoch auch eine innere Abspaltung zur Folge hat, da die Fassade nach außen wesentlich ist und die wahren Verhältnisse nicht gezeigt werden können.

Strenge Verhaltensnormen und Leistungsfrömmigkeit

Das grundsätzliche Anliegen entsteht aus dem positiven Wunsch, nach dem Willen Gottes für das persönliche Leben zu fragen. Als Christen sehnen wir uns nach persönlicher "Heiligung". Missbraucht wird diese Sehnsucht dort, wo dieses Bestreben einen zwanghaften Charakter gewinnt und die Gnade vergessen wird. Das Leben wird mit allerlei Regeln umzäunt. Gott bekommt die Rolle eines inneren Moralwächters. Und da die äußere Einhaltung von Regeln leichter zu kontrollieren ist als eine innere Haltung, wird der Moralkodex in solchen christlichen Gruppierungen oftmals zum Kennzeichen für "echtes" Christsein. Die Ethik verkommt zu einer Moral, in der es vor allem darum geht, falsches Verhalten zu vermeiden.

Nun kann in einem solchen System zweierlei entstehen. Bei den einen entwickeln sich massive Selbstzweifel, die das eigene Ungenügen vor Gott in den Vordergrund rücken. Bei den anderen entstehen hingegen Illusionen über das eigene Verhältnis zu Gott und große Selbstgerechtigkeit.

Oftmals wird in solchen Gemeinden die Ethik nicht am Menschen orientiert. Der Mensch hat sich den Regeln anzupassen. Doch Menschen mit seelsorglichen Problemen kann so nicht wirklich geholfen werden. Sie werden selbst mit ihrem "ungenügenden" Lebenswandel als Problem dargestellt und sind dann doppelt belastet. Zudem kann ein äußerst belastendes Bild von Gott entstehen, der Unmenschliches von einem fordert. Nicht selten sind Menschen in der Folge zu keinem gesunden Verhältnis zu Gott mehr in der Lage.

Geistlicher Missbrauch hat auf der Seite der Täter viele Ursachen. Die wichtigste ist ein übertriebenes Bedürfnis nach Macht, Anerkennung, Bestätigung und Geltung. An dieser Stelle kann jedoch keine umfassende Ursachenforschung betrieben werden. Es kann lediglich darum gehen, Sensibilität dafür zu entwickeln, wie Machtstrukturen in christlichen Gemeinden missbräuchliche Beziehungen fördern können.

An dieser Stelle liegen auch gemeinsame Ursachen dafür, dass die unterschiedlichen Formen von Missbrauch, wie sie hier beschrieben werden, in christlichen Gruppen ein "günstiges" Umfeld finden. Es geht folglich um Sensibilisierung für das Thema und darum, Opfern in der Seelsorge oder in speziellen Beratungseinrichtungen Hilfe bieten zu können.

Diese Art von Gewalt hat es - wie alle anderen - immer schon gegeben. Sie ist aber erst in den letzten Jahren verstärkt in den Blick genommen worden. Da wir in der gemeindlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hiermit in besonderer Weise konfrontiert sind,  widmen wir diesem Thema auch eigene Kapitel in unseren Materialheften.

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